Schleswig-Holstein ist das einzige Bundesland, das an zwei Meeren liegt — und genau dieser Gegensatz macht es fürs Motorrad interessant. Im Westen die Nordsee mit Deichen, Marsch und ständigem Wind, im Osten die Ostsee mit Buchten, Wald und den einzigen echten Kurven des Landes. Dazwischen Geest, der Nord-Ostsee-Kanal und eine Handvoll Fähren, die zur Tagesplanung gehören. An einem einzigen Fahrtag wechselt die Landschaft mehrfach den Charakter — welche Ecke was kann, steht hier.
Nordfriesland – Deiche, dänische Grenze und das Danewerk

Der Nordwesten ist die karge, weite Seite des Landes. Südlich von Schleswig zieht sich das Danewerk durch die Landschaft, ein rund 30 Kilometer langer Wall vom marschigen Hollingstedt bis zum Wikingerort Haithabu an der Schlei — um 650 begonnen, über Jahrhunderte ausgebaut und 1864 im Deutsch-Dänischen Krieg von den Dänen kampflos geräumt. Haithabu und das Danewerk gehören seit 2018 zum UNESCO-Welterbe; das Wikingermuseum am Fundplatz lohnt den Stopp. Nach Norden ist die Grenze offen — bei Süderlügum rollt man ohne Schlagbaum hinüber ins beschauliche Tønder. Der Nordseedeich ist das Grundmuster der Gegend: schmale, fast autofreie Teerwege obenauf, unten halten Schafe das Gras kurz und die Grasnarbe fest. Husum, „die graue Stadt am Meer" und Geburtsort Theodor Storms, ist der klassische Pausenort mit Binnenhafen. Dagebüll am Deich ist der Fährhafen für die vorgelagerten Inseln.
Eiderstedt und die Eider – St. Peter-Ording, Leuchtturm und Sperrwerk

Die Halbinsel Eiderstedt schiebt sich als flaches Rechteck in die Nordsee. Am Westzipfel liegt St. Peter-Ording mit seinem kilometerbreiten Sandstrand und den Pfahlbauten auf Stelzen; der Strand ist so weit, dass auf ausgewiesenen Flächen Fahrzeuge darauf parken. Über die Salzwiesen ist zu Fuß der Leuchtturm Westerheversand erreichbar, das rot-weiße Wahrzeichen der Küste. Landeinwärts, wo Eider und Treene zusammenkommen, liegt Friedrichstadt, 1621 von niederländischen Glaubensflüchtlingen gegründet: Grachten, Giebelhäuser und Klappbrücken haben ihm den Namen „Klein-Amsterdam" eingetragen. Den südlichen Abschluss bildet das Eidersperrwerk, mit rund 4,9 Kilometern Deutschlands größtes Küstenschutzbauwerk — fünf je 40 Meter breite Sieltore regeln Ebbe und Flut. Gefahren wird hier geradlinig; der Reiz liegt in der Landschaft, nicht in der Schräglage.
Dithmarschen und die Elbmarschen – Kohl, Krabben und der tiefste Punkt

Südlich der Eider beginnt Dithmarschen, Europas größtes zusammenhängendes Kohlanbaugebiet — im Herbst stehen die Felder bis zum Horizont voll. Büsum an der Küste lebt von den Krabbenkuttern; von hier fahren die Schnellboote nach Helgoland, Deutschlands einziger Hochseeinsel. Meldorf mit seinem Dom war einst zentraler Ort der Dithmarscher Bauernrepublik. Weiter südöstlich, in der Wilstermarsch bei Neuendorf-Sachsenbande, liegt mit 3,54 Metern unter dem Meeresspiegel die tiefste Landstelle Deutschlands — ringsum halten Deiche und Schöpfwerke das Wasser draußen. An der Elbe schließlich Glückstadt, 1617 vom dänischen König Christian IV. gegründet und bis heute für seine Matjes bekannt; von hier quert die Elbfähre nach Wischhafen ans niedersächsische Ufer. Kurven gibt es kaum, dafür Deichkilometer am Stück und Weitblick über die Köge.
Der Nord-Ostsee-Kanal – Fähren statt Umwege

Quer durch die Landesmitte zieht der Nord-Ostsee-Kanal, rund 100 Kilometer künstliche Wasserstraße zwischen Brunsbüttel an der Elbe und Kiel-Holtenau an der Ostsee — die meistbefahrene künstliche Seeschifffahrtsstraße der Welt. Für Motorradfahrer ist er kein Hindernis, sondern Programm: Gequert wird per kostenloser Fähre, und wenn direkt daneben ein Containerriese vorbeischiebt, wirkt das Bike winzig. Rund um Rendsburg ist das Netz der kleinen Kanalfähren dicht genug, um die Querungen zum roten Faden einer Tagesrunde zu machen. Die Überfahrten dauern nur Minuten, bei starkem Schiffsverkehr kann sich aber Wartezeit ansammeln. Wer die Perspektive von oben will, nimmt die Rendsburger Hochbrücke mit der darunter hängenden Schwebefähre.
Schlei, Angeln und die Flensburger Förde – die kurvige Ostseeseite

Der Osten fährt sich völlig anders. Zwischen Schleswig und der Eckernförder Bucht liegen die Hüttener Berge, ein von der Eiszeit aufgeschobenes Endmoränen-Hügelland mit den ersten ernsthaften Schräglagen des Landes; vom knapp hundert Meter hohen Aschberg reicht der Blick vom Aussichtsturm bis zur Küste. Eckernförde mit Hafen und Stadtstrand liegt an der Eckernförder Bucht, nicht an der Schlei — die beginnt weiter nördlich. Die Schlei selbst ist ein schmaler, gut 40 Kilometer langer Ostseearm; an ihr reihen sich Kappeln mit Windmühle und historischem Heringszaun, das winzige Arnis — Deutschlands kleinste Stadt — und am Binnenende Schleswig mit Dom und Wikinger-Erbe. Nördlich davon dehnt sich die Landschaft Angeln, Heimat jener Angeln, die einst nach England auswanderten. Ganz oben schließlich die Flensburger Förde: von Flensburg über das Wasserschloss Glücksburg und das Naturschutzgebiet Geltinger Birk mit seinen wild lebenden Konik-Pferden führt eine der schönsten Uferstrecken zurück bis an die Schleimündung.
Sylt und die Inseln – Anreise mit Fahrplan

Die nordfriesischen Inseln sind ein eigenes Kapitel, und keine erreicht man einfach so. Sylt hängt am Autozug ab Niebüll über den Hindenburgdamm — über den Damm führt keine Straße, das Motorrad rollt auf den Waggon. Föhr, die grüne Marschinsel, und Amrum mit dem riesigen Kniepsand liegen an den Fähren ab Dagebüll. Wer aufs Bike verzichtet, kann von Schlüttsiel zu den Halligen übersetzen — Hooge oder Langeneß, undeichte Marschinseln, deren Häuser auf aufgeschütteten Warften stehen und bei Sturmflut vom „Landunter" umspült werden. Für alle Verbindungen gilt: Fahrplan und Reservierung vorher klären, in der Saison sind Autozug und Fähren schnell ausgebucht.
Wind – der unterschätzte Fahrfaktor

Kein anderes Bundesland ist so windig; die Zahl der Windräder zwischen den Deichen macht das sichtbar. Fürs Motorrad heißt das: An der offenen Küste und auf den Deich- und Marschstraßen gibt es nichts, was die Böen bricht — Seitenwind drückt das Rad aus der Spur, und man fährt spürbar in Schräglage dagegen an. Heikel wird es dort, wo der Windschutz plötzlich abreißt: hinter einem Gehöft, einer Baumreihe oder oben auf den hohen Kanal- und Elbbrücken kommt die Böe schlagartig von der Seite. Wer Tempo herausnimmt, den Lenker locker lässt und mit dem Schub rechnet, sobald er einen Windschatten verlässt, fährt entspannter. Gegenwind auf den langen Geraden kostet Zug und Reichweite — das gehört in die Zeitplanung.
Holsteinische Schweiz – das Nachbarrevier im Südosten
Im Südosten schließt sich die Holsteinische Schweiz an, das Seenland um die Plöner und Belauer Seen — Alleen wie das Baumspalier bei Bornhöved, schmale Teerbänder durch Laubtunnel am Seeufer, kurvig und hügelig wie kaum ein anderer Winkel des Landes. Das Revier ist eine eigene Reise wert und hat deshalb eine eigene Seite; hier steht es nur als Anschluss für alle, die aus dem Osten Schleswig-Holsteins noch weiterfahren wollen.